Archiv für Juni 2010

wedding, fussball und viertelfinalaus für deutschländ

eigentlich sollte der beitrag schon vor tagen, was sag ich wochen raus, aber naja es ist mir was dazwischen gekommen…
alles begann mal mit der idee aussagen über den hier schon mehrfach erwähnten bezirk oder ortsteil wedding zu sammeln. nicht aufgrund des mir schon unterstellten lokalpatriotismus, sondern weil die von mir entdecken aussagen oder beschreibungen, bei allem was hier wirklich auch scheisse ist, an der lebensrealität im wedding vorbei gehen.

angefangen hat alles mit einem artikel der FAZ online. der artikel beschriebt den wedding als übelstes pflaster das „normale menschen“ und besonders „wehrlose frauen“ auf gar keinen fall betreten dürften, weil sogar die polizei total angst vor den ganzen kriminellen jugendlichen hat. „Das hier ist Slum, fast so schlimm wie in New York. Das ist nicht Deutschland, aber auch nicht die Türkei. Das ist Niemandsland.“ darüber hinaus leistet sich der artikel noch den soldiner kiez mit einem „ghetto“ zu vergleichen.

ein weiterer artikel der über den wedding berichtete, hatte, wie es in der ZEIT üblich ist eine märchenhafte geschichte a la „vom tellerwäscher zum millionär“ zu bieten. in dem artikel geht es um fussballspielenden jugendliche. „Sie kommen aus dem Wedding, einem der härtesten Stadtteile in Deutschland.“ sehr schön. durch diesen artikel wurde ich mit dem immer berühmter werdenden prince-kevin boateng bekannt gemacht. der nämlich hier um die ecke quasie gewohnt hat.

die artikel danach berichten über ihn und sein foul gegen michael ballack beim fa-cup-finale. entwickelt hat sich die sache zu dem wohl krasseste ereigniss was „fussball-deutschland“ seit dresden, wembley und córdoba erlebt hat. dies hat mich nun doch dazu veranlasst nicht einfach nur über die weddingbeschreibungen zu schreiben. das beispiel boateng zeigt, wie es menschen ergeht die, absichtlich oder nicht, den deutschen traum der fussballweltmeisterschaft im wahrsten sinne des wortes ein bein stellen. als grund für boatengs foul, werden erklärungen bemüht wie z.b. „Revanchegelüste“. Boateng wird beschrieben als „ein unzähmbarer Kicker aus dem Berliner Ghetto, der in der Gesellschaft trotz Millionengage nicht ankommt“. das geht dann ncoh eine weile so weiter a la „Boateng hat die Regeln des Anstands und Benehmens offenbar nicht verstanden – aber dafür gibt es in Mitteleuropa juristische Möglichkeiten“ …genau. und damit das nicht so bleibt hat der angry-mob sich bei facebook oder in sonstigen kommentaren und foren den rassistischen frust von der seele geschrieben. sinnvolleres gibt es zu dem thema in der jungel world zu lesen.

leider hat ghana es nicht geschafft und england konnte die geschichte nicht wiederholen, darum drücke ich argentinien die daumen. wobei mir dann wieder der großartige kommentar von magnus klaue einfällt:


„Mein Favorit: Nordkorea. Bei einer Frage, zu deren Beantwortung ich weder mit Erkenntnis noch mit Interesse beitragen kann, darf ruhig der Wunsch Vater des Gedankens sein. Darum hoffe ich, dass Nordkorea die diesjährige Fußballweltmeisterschaft gewinnt, idealerweise (keine Ahnung, ob das geht, es gibt da ja irgendwelche Listenkombinationen) im Endspiel gegen Honduras. Meine Traum-WM würde etwa so ablaufen: Deutschland fliegt schon beim ersten Spiel raus, so dass die brutale Fröhlichkeit der Fans, die in den kommenden Monaten den öffentlichen Raum heimzusuchen drohen, sich von Beginn an in Grenzen hält. Alle anderen Mannschaften, die kollektive Begeisterungsstürme, vulgärviriles Herumgegröle und sonstiges unzivilisiertes Verhalten provozieren könnten, manövrieren sich durch eine Reihe glücklicher Zufälle so bald wie möglich ins Aus. Übrig bleiben ein paar Mini-Nationen, von denen man allenfalls weiß, auf welchem Kontinent sie liegen, für die sich aber nicht mal multikulturelle Linksdeutsche auch nur ansatzweise interessieren. Alle Enthemmungslust, die sich in den Menschen während der vergangenen Wochen in sadistischer Vorfreude auf den zu erwartenden Ausnahmezustand angestaut hat, verpufft. Desillusioniert und enttäuscht, werden die Leute allmählich über alle Maßen ansprechbar. Der Public-Viewing-Terror versiegt, in den Kneipen und Cafés kann man sich wieder ungestört unterhalten. Weil sie partout nichts mit sich anzufangen wissen, kaufen sich die Menschen in ihrer Ohnmacht sogar Bücher, um die Zeit totzuschlagen. Die Nachbarn fangen plötzlich an, gute Musik zu hören. Alle werden freundlicher, und die Welt wird für ein paar Wochen schön. Der Sieg von Nordkorea fällt dann kaum jemandem mehr auf, weil vor den Fernsehern fast so we­nige Leute hocken wie im Stadion, wo auf dem nordkoreanischen Fanblock nur ein paar Funk­tionäre neben bestellten Claqueuren mit Fußkettchen sitzen. Alle merken insgeheim: So fühlt sich Kommunismus an. Und später erinnert man sich in stillem Glück an das südafrikanische Wunder.“